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Leveret Pale im Interview

Seit nunmehr 2 Jahren verfolge ich mit wachsendem Interesse und zunehmendem Staunen die sich in unglaublicher Geschwindigkeit vollziehende Entwicklung meines Autorenkollegen Leveret Pale.

Vor einigen Tagen hat das seit Monaten geplante Vorhaben, Leveret zu interviewen, endlich funktioniert. Mein Gesprächspartner hat sich viel Zeit für mich genommen und auch die kniffligen persönlichen Fragen nicht ausgelassen 🙂

Aber lest selbst!

LG

Gereon


Ich beginne mit ein paar harmlosen Fragen rund ums Schreiben…

Q: Du bist neunzehn Jahre alt, machst gerade Abitur und hast bereits neun Bücher veröffentlicht. Außerdem bist Du Vorstandsmitglied des BvJA, hast eine florierende Instagram-Seite … wo in aller Welt nimmst Du die Zeit her?

A: Das werde ich oft gefragt, von Mitschülern wie von Bloggern und Journalisten. Ich denke, die einfachste Antwort wäre, ich schlafe wenig und ich hasse Zeitverschwendung. Ich benutze kein Netflix, ich spiele keine Videospiele, ich sehe mir so gut wie keine Filme an, ich verschwende meine Zeit nicht mit Menschen, die einen negativen Einfluss auf mein Leben haben. Und als Schüler, selbst mitten in der Abiturphase, hat man eigentlich meiner Meinung nach selbst wenn man lernen muss, noch sehr viel Freizeit. Es ist nur halt die Frage, wie man diese nutzt. Und viele spielen halt Videospiele, sehen Serien, verbringen Stunden in Sozialen Netzwerken oder besaufen sich auf sinnlosen Partys. Das Leben ist kurz, und niemand bereut es am Ende, dass er zu wenig Zeit vorm Fernseher verbracht hat. Deshalb bevorzuge ich mein Leben mit mehr aus meiner Sicht sinnvollen Dingen zu füllen: Freundschaften, Leidenschaften, Liebe, neue Erlebnisse und Erfahrungen, intensive Gespräche, Reisen durch fremde Länder, viel Lektüre guter Literatur und nicht zu letzt kreative Tätigkeiten wie das Schreiben, die mich erfüllen. Allein wen man morgens in der Bahn beim Pendeln zur Arbeit oder zur Schule statt Videospiele auf dem Smartphone zu spielen, ein paar Seiten eines guten Buches liest, bereichert man den Tag und regt das Gehirn zu mehr an. Wenn man es wirklich will, ist es nicht unmöglich neben dem Arbeiten oder Lernen zu schreiben, ohne sein Sozialleben vernachlässigen zu müssen. Es ist alles eine Frage der Prioritäten.

Q: Ebenso wie „Gereon Sand“ ist auch „Leveret Pale“ ein Pseudonym. Warum ein Pseudonym und warum ausgerechnet dieses?

A: Das Pseudonym entstand am gleichen Tag, an dem ich entschied, professioneller Schriftsteller zu werden. Damals war ich sechzehn und verabreichte mir versehentlich eine Überdosis eines halluzinogenen Drogencocktails. Dieses Erlebnis konfrontierte mich mit meinen inneren Problemen, verdrängten Erinnerungen und Wünschen. Ich erkannte in der Todesangst, dass es meine Bestimmung im Leben war, meine Intelligenz und Kreativität produktiv einzusetzen. Ich erkannte, dass ich dazu auch Schreiben musste. Als ich dann langsam wieder zu mir kam, schaltete irgendjemand den Film Alice in Wunderland an. Mein Sichtfeld war noch immer mit Mandalas durchzogen und die Texturen waberten und verschwammen, mein Zeitgefühl war außer Kontrolle; ich war kaum in der Lage zu verstehen, was im Film geschah, aber ich weiß noch, wie ich dachte: Ich muss wie das weiße Kaninchen sein; die Menschen in neue Welten und Abgründe führen, damit wir uns alle besser verstehen. Und nun, Leveret Pale ist Englisch und bedeutet wörtlich übersetzt „blasses Kaninchen“, klingt aber mehr nach einem Namen, als White Rabbit. Ursprünglich diente es zum Schutz meiner privaten Identität, aber nun ist es nurmehr ein Markenname. Als Nikodem Skrobisz veröffentliche ich dann eher Essays als Romane.

Obwohl es mich durchaus interessiert, frage ich nicht nach den Details der versehentlichen Überdosis. Stattdessen bleibe ich tapfer beim Schreiben und erfrage Hintergründe.

Q: Wann und warum hast Du angefangen, zu schreiben? Was war Deine erste Geschichte?

A: Meine erste Geschichte habe ich mit vier Jahren auf Polnisch geschrieben. Wir waren zu der Zeit für zwei Jahre nach Krakau gezogen, und ich bin dadurch zweisprachig aufgewachsen. Diese erste Geschichte heißt übersetzt „Niko und die Piraten“. Darin geht es darum, wie ich zusammen mit Piraten die Welt umsegel und ein Abenteuer erlebe. Meine Mutter hat die Geschichte damals für mich abgetippt und ausgedruckt. Das zusammengetackerte Heftlein samt meiner Illustrationen habe ich noch immer. Ich hatte schon damals unglaublich viel Spaß am Erfinden von Geschichten. Seitdem habe ich eigentlich mein ganzes Leben lang in irgendeiner Form geschrieben, vor allem Tagebücher und Essays. Die ersten Romane versuchte ich mit 12 zu schreiben, was aber an meiner Ausdauer scheiterte. Stattdessen designte und programmierte ich damals kleine Videospiele auf Basis der Ideen. Meinen ersten vollständigen Roman schrieb ich mit 16 nach meinem Entschluss Autor zu werden.

Ich vermute stark, dass Leveret bei seinem Schreibtempo eher spontan agiert, frage aber trotzdem nach…

Q: Schreibst Du einfach drauflos? Oder planst Du lange im Voraus? Was machst Du heute anders als bei Deinen ersten Büchern?

A: Meine Vorgehensweise variiert von Text zu Text. Manche Texte kommen wie eine Eingebung; dann muss ich nur noch mich hinsetzen und es schreibt sich wie von allein; andere, vor allem längere, verlangen oft sorgfältige Planung und Konstruktion. Was das angeht, unterscheide ich mich etwas von meinen frühen Tagen, wo ich einfach nur drauflos schrieb. Aber die größten Veränderungen fanden in den letzten Jahren vor allem in der Qualität, dem Inhalt und den Prozessen nach der ersten Fassung statt. Ich schreibe mittlerweile mehr oder weniger komplett andere Texte, als zu Beginn. Während ich mich mit 16 noch viel mit Fantasy und Horror beschäftigte, bin ich nun vor allem mit ScienceFiction und experimenteller, postmoderner Literatur beschäftigt. Ich arbeite auch viel professioneller und sorgfältiger. Die Texte haben eine deutlich bessere Qualität und durchlaufen auch mehr entsprechende Qualitätskontrollen durch Lektoren und Korrektoren. Ich veröffentliche auch nicht mehr ausschließlich als Selfpublisher, sondern mittlerweile auch in Verlagen. So erschien zum Beispiel meine ScienceFiction Kurzgeschichte „XN4-DMT“ im März in der Noir-Anthologie des SadWolf Verlags. Mein nächster Roman jedoch, „Der Apfelsmoothie der Erkenntnis“ erscheint voraussichtlich am 20. Juni im Selfpublishing bei epubli.

Q: Für wen schreibst Du?

A: Für die Welt und für mich. Einerseits schreibe ich, weil ich sonst keinen inneren Frieden finden würde, wenn ich meine Gedanken und Fantasien nicht ausformulieren könnte. Meine Kreativität braucht einfach diesen Auslauf; und wenn ich mich intensiver mit etwas beschäftige, schreibe ich oft danach ein Essay darüber, um meine Gedanken zu sortieren. (Diese Essays findet man teilweise auf meinem Blog https://leveret-pale.de ). Anderseits will ich auch die Welt mit meinen Texten und Ideen verbessern und meine Leser zum Nachdenken anregen. Ich habe einen riesen Spaß daran mit Lesern auf Lovelybooks oder via Mail oder auf Messen philosophische Ideen und Fragen zu diskutieren, die aus der Lektüre meiner Bücher oft hervorgehen. Und wenn jemand sagt, dass ein Buch von mir ihn oder sie zum Nachdenken angeregt hat, dann ist das für mich das schönste Lob.

Da ich jetzt so langsam die Kurve zum Persönlichen gekriegt habe, frage ich nochmal ganz dezent nach…

Q: Wonach bist Du süchtig? Was macht diese Sucht mit Dir?

A: Nun, an einer richtigen selbstzerstörerischen Drogensucht leide ich zum Glück nicht. (auch wenn es immer wieder zu Phasen exzessiven Kaffee- und Ritalinkonsums kommt, wobei die letzte derartige Phase auch schon Monate her ist und ich die meisten Tage und Wochen nüchtern bin und sogar auf Koffein verzichte). Ich habe eher zwei substanzungebundene Süchte:

Einmal Informationen bzw. Wissen. Ich will über die Dinge, die mich interessieren, immer alles wissen, alles verstehen und analysieren. Wenn irgendetwas mein Interesse weckt, dann komme ich kaum noch zur Ruhe, bis ich die Zusammenhänge verstehe und die Faktenlage kenne. Das führt einerseits zu schlaflosen Nächten, in denen ich mich durch Google Scholar, Pubmed, Bücherstapel, Foren und Magazine arbeite; und dazu, dass ich meine Mitmenschen manchmal mit Statistiken und Analysen nerve. Anderseits habe ich mir durch diese Obsession über die Jahre eine sehr umfassende Allgemeinbildung aufgebaut. Diese lasse ich auch immer wieder in meine Texte einfließen. Darüber hinaus muss ich dank ihr für die Schule so gut wie nichts lernen, da mir Vieles bereits bekannt ist oder ich mir Neues leicht aneignen kann.

Und eine zweite Sucht ist die nach Neuen und Nervenkitzel, wobei diese stark mit meinem unstillbaren Wissenshunger zusammenhängt. Das Einzige, was mich mehr nervt als Zeitverschwendung, ist Langweile. Das hängt wahrscheinlich aber auch mit meinen ADHS zusammen, weil aufgrund der Störung des Dopaminhaushalts ADHSler zwischen Flow und assoziativer Hyperaktivität hin und her schalten, und es sehr schwer ist, ein normales Konzentrationslevel aufrechtzuhalten. Stimuli wirken auch stärker, dafür kürzer. Ich bin immer auf Achse, immer auf der Suche nach neuen Ideen und neuem Input, sei es in meinem Inneren oder in der Außenwelt. Generell bin ich ein sehr hyperaktiver Mensch und überhole beim Spazierengehen gedankenverloren manch einen Jogger. Diese Jagd nach Neuem sorgt dafür, dass ich immer wieder auf neue Inspiration und Anregung für mein Denken stoße, dass ich neue Hobbys ausprobiere; aber auch, dass ich mich oft in gefährliche Situationen begebe. Ich hab mich zum Beispiel bereits selbst aus „Recherchegründen“ mit jeweils separat K.O. Tropfen (bzw. GBL), Chloroform und Roofies selbst ausgeknockt, nur weil das Zeug gerade verfügbar war und ich wissen wollte, wie sich das in der Realität anfühlt. ( obwohl ich sonst nicht auf Betäubung stehe. Ich trinke keinen Alkohol und vermeide auch sonst betäubende Substanzen oder Tätigkeiten.) Anderseits habe ich durch solches Verhalten auch viele meiner Ängste überwunden. So hatte ich als Kind eine Sozialphobie, und nun halte ich sehr gerne und erfolgreich Lesungen, Referate und Reden, und werde auch die Abschlussrede bei der Abiturfeier in zwei Monaten halten. Ich liebe diesen Adrenalin- und Dopaminkick, den die Rudimente dieser Angst verursachen, wenn ich auf einer Bühne stehe. Er schärft meinen Fokus die Aufgaben besser und eleganter zu lösen.

Uiiii … ein langer und ehrlicher Seelenstriptease. Ich hake nicht nach, wieso Chloroform „gerade verfügbar“ war, sondern nutze die Tatsache, dass wir sowieso gerade über persönliche Dinge sprechen…

Q. Woran glaubst Du? Wofür kämpfst Du?

A: Ich glaube an den menschlichen Verstand, die Logik und die Wissenschaft und deren Fähigkeit die Welt zu analysieren und zu verbessern; allerdings glaube ich auch, dass Wissenschaft nicht allein reicht, um alles zu erklären und den Menschen ein sinnvolles Leben zu geben. Dafür braucht es allerdings keine Religionen, die oft toxische Nebenwirkungen haben, sondern eher einen aufgeklärten Spiritualismus, der zwar noch immer die Archetypen in uns ausdrücken und uns Halt und Sinn geben kann, aber uns nicht in so primitive Verhaltensweisen wie Hass und sinnlose Gewalt abrutschen lässt. Ich glaube, wir brauchen mehr Ehrlichkeit und mehr Bildung, und weniger Ignoranz. Ich glaube, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn alle Menschen alle Wahrheiten wüssten und man sich mit diesen ehrlich und reflektiert auseinandersetzen würde.

Daher kämpfe ich mit meinen Texten sozusagen für die Überwindung von Ignoranz, gegen Religionen, für Ehrlichkeit, für Vernunft, für Aufklärung und für mehr Wissen. Ich schreibe daher auch oft Essays über Nischenthemen, um Aufklärung zu betreiben und Schäden zu minimieren.

Q: Was ist Glück für Dich? Bist Du oft glücklich?

A: Ich bin zurzeit überwiegend sehr glücklich. Was mich persönlich immer wieder überrascht, weil ich die meiste Zeit meines Lebens an Depressionen, Ängsten und den Folgen meines ADHS litt. Aber seit gut eineinhalb Jahren sind die psychischen Probleme fast weg, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich die Pubertät und ihre Turbulenzen hinter mir lasse. Trotz der Belastung durchs Abitur und auch private Probleme, wie die Trennung von meiner nun Ex-Freundin vor wenigen Wochen, führe ich zurzeit ein sehr ausgeglichenes Leben. Für mich ist es Glück, wenn ich mein Leben sinnvoll gestalten kann, mit mir selber zufrieden bin, gesund bin und meine Zeit ausgeglichen mit mir wichtigen Personen, Tätigkeiten und Dingen verbringen kann. Es ist nicht ganz einfach, Kreativität, Sport, Schule, Soziales und Erholung unter einem Hut zu bringen, aber ich habe mir durch meine Erfahrungen der letzten Jahre eine starke Resilienz aufgebaut, weshalb mich nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringt.

Ich bedanke mich für die entwaffnende Ehrlichkeit und beende das Interview mit ein paar klassischen unvollständigen Sätzen. Als Internetjunkie interessiert mich besonders der erste …

Q: Ohne Internet bist Du … ?

A: Von einem großen Teil meines natürlichen Lebensraums und vielen wichtigen Daten abgeschnitten. Ich habe mich von Klein auf auch viel mit Computern und dem Internet beschäftigt, habe auch selber eine zeitlang programmiert und heute organisiere ich große Teile meines Lebens mit dem Internet. Mit einer Cloud verwalte und sichere ich meine wichtigen Dateien wie Manuskripte; über einen digitalen Terminkalender organisiere ich meinen Alltag; über diverse Apps kommuniziere ich mit meinen Mitmenschen und verwalte Projekte und Treffen. Darüber hinaus ist das Internet auch eine meiner größten Informationsquellen, da ich damit am schnellsten auf wissenschaftliche Publikationen und Nachrichtendienste zugreifen kann. Mittlerweile bin ich wie die meisten Menschen in der ersten Welt so sehr mit dem Internet verschmolzen, dass ohne es große Teile meines Lebens und Arbeiten kaum noch realisierbar wären. Es ist nicht allerdings so, dass ich nach dem Internet süchtig wäre. Auf Reisen (z.B. durch die Kalahariwüste vor zwei Jahren) oder während der Schulzeit habe ich kein Problem darauf zu verzichten. Es ist nur unglaublich praktisch und fungiert als eine Erweiterung meiner analogen Fähigkeiten.

Q: In fünf Jahren siehst Du Dich … ?

A: Wenn alles nach Plan läuft, mitten im Psychologiestudium an der Universität Amsterdam und mit paar mehr Buchveröffentlichungen auf dem Kerbholz. Ich möchte langfristig eine akademische Karriere im Bereich Psychologie und Neurowissenschaften einschlagen.

Q: Dein Lieblingsbuch ist … ? Bitte nur eine Nennung!

(Leveret verzieht das Gesicht. Ich habe den Nachsatz extra angefügt, um es ihm schwer zu machen … und erhalte postwendend Recht)

A: Ich tue mir sehr schwer damit, mich auf ein Lieblingsbuch zu beschränken, da es kein perfektes Buch gibt und keins, das alle Aspekte der Welt umfasst. Aber wenn ich mich auf ein Buch beschränken muss, dann ist es „Also sprach Zarathustra“ von Nietzsche. Dieses Buch vereint Erzählung, Dichtung und überragende philosophische Weitsicht wie kaum ein anderes. Aber …. ich kann es nicht lassen, „Schuld und Sühne“, „Metro 2033“, „The Rum Diary“, „Der Mensch und seine Symbole“, „Und Nietzsche weinte“ als ebenso geniale Kandidaten zu nennen.

Q: Steinmeier ist krank, also hältst Du die Weihnachtsansprache 2018. Du sprichst über … ?

Ehrlichkeit! Ehrlichkeit ist vielleicht ein extrem unpolitischer und auf den ersten Blick unpraktischer Wert. Es ist viel einfacher mit Lügen, Beschönigungen oder Übertreibungen die Realität so zu verzerren, dass sie den Wählern und Mitmenschen gefällt oder in das ideologische Weltbild passt. Aber langfristig führt das Lügen und Manipulieren nur nicht nur dazu, dass niemand mehr einem vertraut, sondern auch dazu, dass  andere Menschen falsche Entscheidungen treffen, weil sie die Wahrheit nicht kennen. Ehrlichkeit kann oft schmerzhaft sein, den eigenem Status schaden oder Beziehungen beenden, aber sie erspart einem selbst und seinem Umfeld langfristig viel mehr unnötiges Leiden. Ehrlichkeit ist daher in unserer digitalisierten und global vernetzten Welt noch viel wichtiger, weil Lügen viel größere Wellen schlagen und sich noch mehr ausbreiten. Die Folgen davon sehen wir in den Wahlergebnissen, in den Debatten um Fake News, in der kollektiven Vereinsamung, in den Sozialen Netzwerken. Wir sollten dann auch eine ehrliche Debatte über die Zukunft Europas führen, auch was der politische Islam, die globale Migration und die Interessen der USA und Chinas in dem Kontext bedeuten, jenseits von linken oder rechten Ideologie-Boxen. Generell würde ich für mehr Ehrlichkeit, mehr Dialog und Offenheit sowohl im Privaten als auch im öffentlichen politischen Diskurs appellieren.

Ich stimme von ganzem Herzen zu und bedanke mich für die offenen Worte.

Ein bemerkenswerter Autor… und aus meiner Sicht ein ebenso bemerkenswertes Interview!

„Die Inneren Wege“ jetzt als Taschenbuch und E-Book

Das Brachfest beginnt!

Es ist soweit! Nach langem Lektorat, der Auswahl des passenden Covers und dem Überprüfen der „Printed proofs“ (mit den üblichen anschließenden Korrekturen … Silbentrennung for the win!) ist die Veröffentlichung von Band 3 endlich geschafft.

Wer schon immer wissen wollte, wie es Rasmus, Nalissa, Keshar, Grubb und den anderen auf dem Brachfest ergeht … einfach hier klicken:

https://www.amazon.de/dp/1530638550 (Taschenbuch)

Oder einfach direkt die Kindle-Version kaufen:

Viel Spaß und fröhliches Mitfiebern!

LG

Gereon (der in der Zwischenzeit fleißig an Band 4 arbeitet)

03.03.2018, D. Suarez: „DARKNET“ (4/5)

Popcorn-SciFi auf hohem Niveau

DARKNET
Autor: Daniel Suarez
Taschenbuch, 480 Seiten
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 02. Mai 2011
ISBN 3499252449

Vorgeschichte: Auf den amerikanischen Autor Daniel Suarez bin ich im Kontext des damals aktuellen Romans „Control“ aufmerksam geworden. „Darknet“ habe ich mir zusammen mit „Daemon“ bestellt, nachdem ich mit „Control“ durch war.

Inhalt: Die Handlung knüpft unmittelbar an „Daemon“ an. Der Leser erhält mehr und mehr Innensicht in das namensgebende „Darknet“, während die Protagonisten ums nackte Überleben kämpfen, da die Söldnerhorden der Finanzindustrie zwischenzeitlich mit allen verfügbaren Ressourcen gegen den Daemon anrücken. Die unausweichliche Konfrontation fordert hohen Blutzoll … und endet mit einer Überraschung und einer unerwarteten Option. Inmitten all der Action wird die neue Weltordnung, die der Daemon mit seinem „Darknet“ erschaffen will, ausführlich erklärt und motiviert. Zwischen den Zeilen glaubt man, die Sympathie zu spüren, die der Autor dieser entgegenbringt.

Erzähltechnik: Der Roman umfasst einen Zeitraum von einem halben Jahr. Ebenso wie im Vorgänger wird die Geschichte von wechselnden Protagonisten (bzw. Antagonisten) in der dritten Person erzählt. Die Sprache ist technisch gehalten, dabei aber stets unverschnörkelt und schlicht. Die Kapitel sind vergleichsweise kurz, die Handlung streitet zügig voran und endet vergleichsweise abrupt. Obwohl der Roman abgeschlossen ist, hätte ich mir für einige (echte und virtuelle) Charaktere noch etwas mehr Zeit gewünscht, um ihre Geschichte besser abzurunden (Loki, Boerner).

Suchtfaktor: Die Magie des ersten Bandes wird aus meiner Sicht nicht mehr ganz erreicht, da der Leser sich irgendwann an den Daemon gewöhnt. Während die Razorbacks den Leser in Band 1 noch erstaunen und erstarren lassen, tauchen sie in Band 2 zu Hunderten auf, und dieses „Höher, schneller, weiter“-Prinzip zieht sich durch den gesamten Roman. Die Konfrontationen, die im ersten Band lokalen Charakter hatten (und z.B. auf dem Grundstück des Daemon-Schöpfers stattfinden), haben im zweiten Band existenzielle Bedeutung, entscheiden über nichts weniger als die Weltherrschaft, weil der Daemon gewachsen ist … und ebenso die Armeen, die sich ihm entgegenstellen. Spannend ist das ohne Frage. Ebenso wie „Daemon“ ist auch „Darknet“ ein Pageturner par Excellence, allerdings ohne dessen Genialität zu erreichen. Wer ein Faible für leise und subtile Bücher hat, ist bei „Darknet“ fehl am Platz. Hier kämpfen Horden von Nerds (und ihre Maschinen) gegen Horden von Elitesöldnern, Weltanschauungen prallen aufeinander, und am Ende gibt es Sieger und Verlierer, wenig Grau, viel Schwarzweiß. Popcorn-SciFi auf hohem Niveau, gut gemacht, schnell verschlungen.

Was bleibt: der Verdacht, dass der Roman mit etwas weniger Idealismus, etwas weniger Bombast, etwas weniger Weltherrschaft und etwas weniger Weitsicht des Daemon-Schöpfers (der wie immer allen Lebenden einen Schritt voraus ist) noch ein wenig packender, realistischer und verstörender hätte werden können. Band 1 hat mich aufgewühlt. Band 2 hat mich gut unterhalten. Dagegen ist nichts zu sagen; ich werde gerne gut unterhalten. Das Problem ist eher – was mich heute unterhält, habe ich morgen vergessen. Was mich aber heute verstört, bleibt auch morgen in meinem Kopf, lässt mich die Welt mit anderen Augen sehen.

Fazit: eine gute Fortsetzung eines hervorragenden Erstlings, grundsolide, spannend, aber nicht ganz auf dem Niveau des ersten Bandes. Ich vergebe 4 von 5 Sternen.

18.01.2018, D. Suarez: „DAEMON“ (4,5/5)

Zeitloses Meisterwerk

DAEMON: Die Welt ist nur ein Spiel
Autor: Daniel Suarez
Taschenbuch, 639 Seiten
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 02. Mai 2011
ISBN 3499256436

Vorgeschichte: Auf den amerikanischen Autor Daniel Suarez bin ich in einer Buchhandlung aufmerksam geworden, wo der damals aktuelle Roman „Control“ sehr liebevoll beworben wurde. Mit „Daemon“ habe ich mich nunmehr mit 7 Jahren Verspätung (bezogen auf die deutsche Übersetzung; das englische Original stammt von 2006) an Suarez‘ Erstling herangewagt.

Inhalt: Ein genialer Spieleentwickler stirbt … und ein Daemon (=ein Stück Software, das auf bestimmte Ereignisse lauscht und in Abhängigkeit vom Eintreten der Ereignisse in Aktion tritt), wird im Moment seines Todes aktiv. Schon bald wird deutlich, dass der verblichene Schöpfer des Daemons zahlreiche Eventualitäten vorhergesehen hat … und sich nicht damit zufriedengibt, nur ein wenig Verwirrung unter den Hinterbliebenen zu stiften.

Erzähltechnik: Die Erzählperspektive ist aus der dritten Person geschrieben, bleibt jederzeit sachlich und souverän. Die Protagonisten (ein bunter Reigen von Polizei- oder FBI-Beamten, dazu Journalisten, Hacker und sonstige Nerds) wechseln fortlaufend; die Kapitellängen sind sehr unterschiedlich gehalten. Nur die wenigsten Protagonisten sind sympathisch, die Identifikation mit ihnen fällt entsprechend schwer. Das Vokabular ist anspruchsvoll, aber niemals abgehoben. Aus meiner Sicht wird die Herausforderung, den in einem sehr technischen Umfeld angesiedelten Roman verständlich zu halten, sehr gut gelöst.

Suchtfaktor: Die Geschichte beginnt beinahe klassisch mit einem Mord … und dem Szenario angemessen folgen im Lauf der Handlung zahlreiche weitere Leichen. Auch wenn keiner der Protagonisten dem Leser so richtig ans Herz wächst, kann man das Buch kaum zur Seite legen. Der in hohem Tempo geschriebene Roman zieht seinen Reiz aus dem beklemmenden Szenario, dass ein Toter den Lebenden stets einen Schritt voraus ist und unzählige Weichen vorab so gestellt hat, dass die scheinbare Handlungsfreiheit der Protagonisten zielsicher im Unausweichlichen endet. Dabei ist die Folge von Ursache und Wirkung, die Suarez konstruiert, niemals unrealistisch, im Gegenteil: die Funktionsweise des Daemons bleibt jederzeit nachvollziehbar und (gegeben beliebig viel Zeit und beliebig viel Geld :)) auf die reale Welt übertragbar.

Was bleibt: ein mulmiges Gefühl. Wenn der Mensch, der gemäß seiner Natur technisch komplexe Systeme immer weniger durchschauen kann, naiv und leichtgläubig jeden beliebigen Hebel in die Hände von Automatismen und Algorithmen legt, darf er sich nicht wundern, wenn jemand diese Automatismen und Algorithmen kapert und für eigene Zwecke missbraucht. „Daemon“ ist eine fantasievolle Dystopie, die nicht weit von der heutigen Realität entfernt ist, regt zum Nachdenken an, wühlt auf.

Fazit: Das Buch endet mit einer Überraschung und einem Cliffhanger, der den Leser atemlos und verstört zurücklässt (wohl dem, der „Darknet“, die sich nahtlos an „Daemon“ anschließende Fortsetzung, direkt mitgekauft hat :)). Ich vergebe 4,5 von 5 Sternen; den halben Punkt Abzug gibt es für den Mangel einer Identifikationsfigur unter den Protagonisten, die mir letztendlich allesamt egal sind … was wiederum daran liegt, dass der eigentliche Protagonist der Geschichte bereits gestorben ist und man dessen Geschichte nur noch andeutungsweise in Retrospektiven erlebt. Nichtsdestotrotz: „Daemon“ ist nicht nur spannend, sondern auch stimmig konstruiert; ein Roman, der nicht nur unterhält, sondern auch hinterfragt. Aus meiner Sicht ein Meisterwerk, das völlig zurecht vom selbstveröffentlichten Geheimtipp zu einem Bestseller wurde.