Die Inneren Wege, Kapitel 31

„Rasmus und die Gilde der Propheten“ ist eine vierbändige High‐Fantasy‐Serie. Der dritte Band, „Die Inneren Wege“, ist als Taschenbuch bei Amazon sowie als E-Book bei Kindle erhältlich.

Anbei findet sich das 31. Kapitel des Romans als Leseprobe.

 

 

 

 

 


Nalissa

463 n.Z., zweiter Tag des Brachmondes

Das glitschige Holz stank nach Schimmel und vergorenem Wein. Der Gestank war so penetrant, dass ihr schon nach wenigen Minuten im Inneren des mannshohen Weinfasses sterbensübel gewesen war. Das Geruckel des Annsteiner Kopfsteinpflasters hatte ihr dann den Rest gegeben. Nalissa hatte im hohen Bogen in die feuchte Dunkelheit gekotzt und zudem jegliche Orientierung verloren. Sie hatte keinen blassen Schimmer, wo Keshar den gestohlenen Karren hingelenkt hatte, ob der Morgen bereits angebrochen war oder die Nacht des Brachfestes fortdauerte. Aber es war sowieso egal. Alles war egal. Sie war die Mutter ohne Kinder, die Sternenwächterin ohne Stern, die Diebin mit den leeren Händen, die Asche im erkalteten Kamin. „Feuerkopf“, hatte Flemming sie genannt, aber ihr Feuer war erloschen. Kirstan. Lunia. Die, die den Tod verdienen, leben. Und die, die leben sollten, sind tot.

Kauernd in der stinkenden Düsternis, erschauerte sie unter all den Erkenntnissen, die auf sie einprasselten. Wäre Keshar nicht gewesen, hätten die Vergewaltiger sie getötet. Wäre Leutnant Arschloch nicht gewesen, wäre sie in dem Inferno, zu dem das Hoffend geworden war, verbrannt. Warum hatten die Schicksalsgöttinnen ihr Leben ausgerechnet mit diesen beiden Menschen verknüpft? Jetzt schuldete sie dem Mann, der Kirstan gehängt hatte, ihr Leben. Und dem Mann, der Flemming in der Ann ertränken wollte, schuldete sie ihr Leben sogar mehrfach. Bittere Galle brannte in ihrer Kehle. Leutnant Arschloch und Keshar saßen jetzt auf dem Kutschbock und lenkten den Karren irgendwohin, lenkten ihr Leben irgendwohin. Sie konnte sich beinahe bildlich vorstellen, wie die Schicksalsgöttinnen an ihren Spindeln saßen und sich an den komplizierten Mustern, die sie in tausend und abertausend Fäden miteinander verwoben, ergötzten. Sie wollte die Göttinnen verfluchen, fand jedoch keine Worte. Was auch immer sie zu sagen hatte, war versiegt, verdorrt, vergessen … und der saure Geruch des Fasses stieg in ihre Nase und setzte sich in ihre Haare, ihre Kleider, ihre Seele. Sie schluckte die Galle herunter. Sie wollte weinen, aber ihre Tränen waren versiegt.

Der Wagen hielt an und fuhr weiter. Die Barden, die die umgebenden Fässer mit ihrem Gewicht beschwerten, schienen ihre Instrumente ausgepackt zu haben. Der Klang von Flemmings Flöte drang durch das morsche Holz und füllte die Dunkelheit mit einer getragenen Melodie. Sie hielt sich daran fest und wartete. Sie wusste nicht, worauf.

Leutnant Arschloch hatte die Führung der Gruppe übernommen, kaum, dass sie das Haus des Alchemisten verlassen hatten. Er hatte Flemming, Defou, Kesh und sie selbst schnurstracks zur Annsteiner Mauer geführt. Die dort postierten Bogenschützen waren damit beschäftigt, Brandpfeile auf das Hoffend regnen zu lassen. Hinter ihnen, in Richtung der feiernden Stadt, hatte das Hoffend sich auf breiter Front bereits in eine Feuerwand verwandelt, und die Hitze war selbst im Schatten der Mauer deutlich zu spüren gewesen. Eine nervös wirkende Vierzehntschaft hatte die Treppe, die zum Wehrgang hinaufführte, bewacht. Leutnant Arschloch hatte einen kurzen, aber heftigen Wortwechsel mit einem Leutnant geführt, woraufhin Nalissas Gruppe die Mauer erklimmen und zur Außenseite hin wieder verlassen durfte ‐ über Leitern, die irgendjemand dort aufgestellt und vertaut hatte. „Die Bogenschützen werden auf diesen Leitern fliehen“, hatte Leutnant Arschloch mit grimmiger Miene erläutert. „Sobald auch hier die Häuser brennen, wird man auf der Mauer bei lebendigem Leib geröstet werden.“ Er hatte nichts über die Sprengladung auf dem Treppenaufgang gesagt, aber Nalissa war durchaus in der Lage, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Soldaten würden die Aufgänge sprengen, nachdem sie die Mauer erklommen hatten. Stadtmauer und Soldaten würden diesen Brand überleben. Das Hoffend nicht, und die Sternenwächter auch nicht. Kirstan und Lunia. Der Sohn des Alchemisten. All die Namenlosen, Unschuldigen, Gestrandeten. All die Frauen, Kinder, Greise, deren Schreie aus Richtung der Feuerwand zu ihr herüberhallten. Sie verspürte noch nicht einmal mehr Wut. Sie war leer. Leer wie das Fass, in dessen Innerem sie sich versteckte.

Nachdem sie das Inferno dank der Hilfe von Leutnant Arschloch verlassen hatten, hatten sie die Mauern von Annstein von außen umrundet. Während ihres Fußmarsches zur Oststraße hatte niemand auch nur ein Wort gesagt, und als sie die Ann erreicht hatten, hatten sie beinahe eine geschlagene Stunde auf eines der wenigen Fährboote warten müssen, die völlig überfüllt waren und mehr als einmal beinahe kenterten. Das Inferno, das hinter den schwarzen Silhouetten der Mauern tobte, schien zahlreiche Fährmänner zu verschrecken, und die Oststraße war mit flüchtenden Menschen verstopft, die die brennende Stadt schnellstmöglich hinter sich lassen wollten. Mehr als einer trug noch immer seine Tiermaske.

Der Leutnant hatte versucht, sie alle zu beruhigen. Er hatte versichert, dass die Brandschneisen breit genug waren, um das Feuer daran zu hindern, auf die Kernstadt überzugreifen. Nalissa traute ihm nicht. Auch der Strom der Flüchtenden schien anderer Meinung zu sein. Annstein hatte sich in Windeseile in ein Pulverfass verwandelt, das aus allen Toren leckte, und niemand außer ihnen schien das Bedürfnis zu haben, ins Innere des Fasses zurückzukehren. Zurück zu den Flammen, vor denen sie erst vor wenigen Stunden geflohen waren.

Der Weinhändler, in dessen Fass sie nun festsaß, war im Begriff gewesen, sich den Flüchtenden anzuschließen. Die Pferde waren bereits angespannt und die mannshohen Fässer verzurrt gewesen, als Keshar schwerfällig auf den Kutschbock geklettert war und den Mann mit blankem Dolch davon überzeugt hatte, seine Abreise zu Fuß fortzusetzen. Keshar, der deutlich sichtbar gehinkt und aus zahlreichen großen und kleinen Wunden geblutet hatte. Ihr ehemaliger Liebhaber war leichenblass gewesen und hatte sichtbare Mühe gehabt, das Gleichgewicht zu halten. „Es ist nichts!“, hatte er sie angeraunzt, noch bevor sie ein Wort gesagt hatte. Vielleicht hatte ihr Blick genügt, um seinen Trotz anzustacheln. Vielleicht hatte er sie nur deswegen gezwungen, sich im Inneren des größten der mannshohen Fässer zu verstecken. Sie hatte wütend protestiert, aber es hatte nichts genutzt. Niemand war so stur wie Kesh, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. „Du bist tot, Nalissa!“, hatte er beharrlich wiederholt, während er bereits Luftlöcher in das größte Fass geschlagen hatte. „Für Annstein bist Du tot, und Du wirst es verdammt nochmal auch bleiben! Schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren!“ Irgendwann hatte sie klein beigegeben und war in das Innere des Fasses geklettert, und der Fallende Stern hatte es sich nicht nehmen lassen, den Deckel höchstpersönlich zu versiegeln. In dem Moment, als er den Deckel auf das Fass gesetzt hatte, hatte sie für den Bruchteil einer Sekunde einen Blick in seine Augen erhascht, und erst in diesem Moment hatte sie Bescheid gewusst. Wenn sie jetzt darüber nachdachte, war es beinahe anrührend. Kesh machte sich Sorgen um sie, noch immer. Er rechnete mit weiterem Blutvergießen und wollte sie in Sicherheit wissen. So sicher man im Inneren eines Fasses eben sein konnte. Geschützt vor den Blicken der Freunde, der Feinde, der Feiernden und der Flüchtenden ‐ aber nicht vor sich selbst. Nicht vor der Erkenntnis und schon gar nicht vor der Bitterkeit, die unweigerlich auf die Erkenntnis folgte.

Sie kauerte in der Dunkelheit ihres Kokons, der nach Schimmel, Kotze und vergorenem Wein stank. In einer sanften Linkskurve führte ihr Weg stetig aufwärts, und als der Wagen mit abrupter Plötzlichkeit anhielt, kehrt ihr Orientierungssinn zurück und sie wusste mit einem Mal, wo sie sich befand. Der Hügel der Wahrheit. Die Gilde der Propheten. Kesh will die Adepten wiederhaben. Alleine die Götter wissen, warum.

Sie hörte Stimmen aus der Welt außerhalb ihres Fasses. Flemmings Melodie wurde schrill und schriller und endete in einem langen klagenden Ton. Irgendjemand schrie voller Sehnsucht seinen Namen. Auf dem Kutschbock brüllte Leutnant Arschloch einen Befehl, und eine keifende Frauenstimme schimpfte über irgendetwas. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sich in ein blickdichtes Fass sperren zu lassen, ohne eine Axt im Gürtel zu tragen. Ohne einen Notfallplan zu haben.

„Kesh?“, rief sie zögernd, dann lauter. Niemand antwortete. „Kesh, verdammt! Lass mich hier raus!“

Draußen schien irgendetwas vor sich zu gehen. Leutnant Arschloch schrie einen Befehl, der von dem jämmerlichen Schrei eines Tieres übertönt wurde. Galoppierender Hufschlag, der jäh verstummte. Männer, die durcheinander riefen. Irgendwann ebbte der Lärm ab, und sie nahm Gesprächsfetzen einer Unterhaltung wahr. Leutnant Arschloch war beteiligt, und andere. Andere Stimmen, die sie nicht kannte.

„Kesh!“, rief sie ein weiteres Mal und trommelte mit den Fäusten gegen das Fass.

Es war eine Frauenstimme, die ihr schließlich antwortete, und es schien Nalissa, als ob deren Stimme mitten in ihrem Kopf ertönte. „Die Sonne ist aufgegangen und die Sieben sind vereint“, sagte die Frau mit bedeutungsschwangerer Stimme. „Der Wahrbringer ist erwacht.“

Großartig. Ich werde verrückt. Die ehemalige Sternenwächterin atmete schnell und flach, doch die hastigen Atemzüge sorgten nur dafür, dass die schwülwarme Dunkelheit sich zu drehen schien und sie beinahe ohnmächtig wurde. Stimmen in meinem Kopf. Hätte es sich um Kirstans, Lunias oder auch Kirras Stimme gehandelt, hätte sie verstanden, was vor sich ging ‐ diese Stimme jedoch hatte seltsam fremd und eindringlich geklungen, und Nalissa fuhr fort, mit den Fäusten auf die Wand ihres Fasses einzuschlagen. Was für eine Scheißidee, in ein Fass zu steigen. Sie musste hier raus, bevor sie völlig durchdrehte.

„Ich habe geschlafen, aber nun bin ich wach. Ich war zerbrochen, aber nun bin ich ganz. Ich war blind, aber nun sehe ich.“ Schon wieder die fremde Stimme. Verdammt verdammt verdammt. Sie hörte die Frau, als ob diese neben ihr im Fass kauerte. Nalissa griff ins Leere, tastete den glitschigen Boden ab, suchte gegen alle Vernunft nach einem Eindringling und fand niemanden. Die Stimme fuhr unbeirrt fort. „Ich sehe Euch. Ich sehe Euch alle. Und ich sage … schlaft. Die Nacht ist weit fortgeschritten. Schlummert selig und tankt neue Kraft. Ich sage… schlaft!“

Die Müdigkeit, die Nalissa postwendend überfiel, war überwältigend. Stärker als die Übelkeit, stärker als alle Zweifel, ja sogar stärker als die Trauer um ihre Kinder ergriff bleierne Müdigkeit von ihr Besitz und ließ sie willenlos in sich zusammenfallen. Sie war nur noch eine Marionette, deren Schnüre eine höhere Macht mit einem einzigen Wort durchtrennt hatte. Sie hatte keine Wahl. Sie hatte niemals eine Wahl gehabt. Noch nicht einmal scheinbar.

Mutter, flüsterte jemand, so sanft wie ein leiser Lufthauch. Sorgt Euch nicht. Ich werde Euch wecken, wenn Eure Zeit gekommen ist.

Ihre Augen hatten sich bereits geschlossen. Die Schwärze des Fasses weitete sich, und ihr Atem wurde stetig und ruhig. „Mutter“, flüsterte Nalissa, während sie in den Schlaf hinüberglitt. Das Wort klang wie ein Versprechen. „Mutter“.