Die Innersten Wege, Prolog

„Die Innersten Wege“ – der vierte und letzte Band der High‐Fantasy Romanserie „Rasmus und die Gilde der Propheten“ – ist derzeit (Juli 2016) in Arbeit. Bislang existieren 4 ausformulierte Kapitel, haufenweise Notizen sowie ein fertiges Exposée.

Anbei findet sich der Prolog des Romans als Leseprobe.


Prolog

463 n.Z., sechzehnter Tag des Weinmondes

„Wnnn!“, bat er mit zittriger Stimme. „Wnnn!“

„Mehr Wein? Seid Ihr sicher, Herr?“ Lestoras, sein Leibdiener, schälte sich aus dem Nebel, griff nach der elegant geschwungenen Karaffe und schenkte Redaner nach. „Ihr solltet nicht so viel trinken, Herr“, mahnte Lestoras ein weiteres Mal, während er den Rand eines Glases zwischen die nur einen Spalt weit geöffneten Lippen des ehemaligen Generals hielt.

Träge wie Öl rann die süße Flüssigkeit seine Kehle hinunter. Der Bezwinger der Yverlinger schluckte, hustete, schluckte erneut. Das Blut der Götter, das ihm Vergessen bescherte und ihn schlafen ließ. Schlafen und träumen … von einer Zeit, als er noch ein General aus Fleisch und Blut gewesen war und keine geflüsterte Legende, kein Schatten, kein Relikt aus einer längst versunkenen Vergangenheit.

An den Sitzungen des Siebenerrates nahm er nicht mehr teil. Vergessen waren die Tage, in denen Bewaffnete seinen hölzernen Rollstuhl in den kleinen Ratssaal gefahren hatten und der ehemalige General mehr schlecht als recht versucht hatte, den endlosen Ausführungen von Wahrmeister Jovan, dem selbsternannten Ersten Propheten und Wahrbringer, zu folgen. Nicht, dass der Siebenerrat seiner Stimme noch bedurft hätte. Das mächtigste Gremium der Annsteiner Republik, aus ihm selbst, den Wahrmeistern Jovan, Kylia und Jhor, den beiden adeligen Speichelleckern di Viscandi und di Saronte sowie dem durch permanente Abwesenheit glänzenden Handelsherr Vissentine bestehend, war sich seit der personellen Umbesetzung zu Beginn des Brachmondes in nahezu allen Themen einig. Ob die Vorschläge des Wahrbringers von fünf, sechs oder sieben Ratsmitgliedern einstimmig verabschiedet wurden, war nicht von Belang. Der General war entbehrlich geworden. Entbehrlich, geduldet, belächelt. Eine geflüsterte Legende, ein Schatten, ein Relikt aus einer längst versunkenen Vergangenheit.

Die frisch vergrößerte Republik wuchs und gedieh unter der Regierung des neuen Siebenerrates. Nach der Kapitulation des abtrünnigen Süd-Ann und den sich anschließenden Jubelfeiern hatten die Baumaßnahmen im Wahrviertel – dem ehemaligen Hoffend – zügig begonnen. Die Handwerksgilden der Stadt arbeiteten Hand in Hand und die Stimmung in der Bevölkerung war prächtig. Die Annsteiner Winzer kelterten einen hervorragenden Jahrgang, der den wiedererstarkten Handel mit dem erst kürzlich befriedeten Süden florieren ließ. Die Septen der Republik patrouillierten in großer Zahl auf den Handelsstraßen, und solange der Weg eines Reisenden nicht ausgerechnet gen Osten in die Kupferhügel führte, war die Chance, dass er sein Ziel wohlbehalten und unversehrt erreichte, so groß wie lange nicht mehr.

Diese verfluchten Kupferhügel. Leutner versuchte vergeblich, die Lippen zu verziehen. Seit das im Osten an die Republik angrenzende Großherzogtum Lombria seine ohnehin spärlichen Truppen an die Südgrenze abkommandiert hatte, um den sarrantischen Invasoren Einhalt zu gebieten, hatten sich die Kupferhügel in Rekordgeschwindigkeit wieder in einen Hort von Banditen verwandelt. Die friedvollen Jahre im Anschluss an den siebenjährigen Krieg, in dem der General an der Spitze seiner Armeen Brinn gestürmt und Lombria befriedet hatte, waren vorüber. Endgültig. Unwiederbringlich. Eine geflüsterte Legende, ein Schatten, ein Relikt aus einer längst versunkenen Vergangenheit.

Der General schlürfte und schmatzte. Der Redaner rann über das fliehende Kinn, tropfte auf die altmodische Uniform und hinterließ eine klebrige Schicht auf den emaillierten Ordensplaketten, die er noch immer am Leib trug. Lestoras setzte das Glas ab und tupfte mit einer Serviette auf seinem Brustkorb herum. Der ehemalige General stöhnte unwillig. „Wnnn!“, befahl er erneut. „Wnnn!“

„Ihr hattet genug, Herr“, beschied ihn sein Leibdiener. „Ihr solltet jetzt ruhen. Wartet, ich bringe Euch…“ Lestoras brach mitten im Satz ab und rümpfte die Nase. Es war mal wieder an der Zeit. Zeit, dass der Diener Leutners Windeln wechselte.

Der Bezwinger der Yverlinger war bereits seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt. Eine heimtückische Krankheit, für die kein Heiler einen Rat wusste, hatte zuerst seine Beweglichkeit und im Anschluss jedes bisschen Würde, das ein Mann überhaupt haben konnte, geraubt. Der ehemalige General hatte vergeblich versucht, sich in eigener Kraft aus dem gepolsterten Rollstuhl zu stürzen, um dieses unselige Leben zu beenden und sich zu all den gefallenen Kameraden zu gesellen, die bei den Windgöttern auf ihn warteten. Mittlerweile war er selbst dazu nicht mehr in der Lage. Seitdem Leutner sich bei einem selbstverursachten Sturz von der Treppe zum Ratssaal lediglich einige blaue Flecken zugezogen hatte, banden die Diener ihn an seinem Rollstuhl fest, bevor sie ihn transportierten. Es war demütigend. Ebenso wie die Windeln. Ebenso wie der Wein. Ebenso wie die Unterschriften.

Der voranschreitenden Lähmung zum Trotz hatte Leutner noch für einige Zeit mehr als nur eine Symbolfigur dargestellt. Der greise General hatte sämtliche Personalentscheidungen, die seine Nachfolge geregelt hatten, mit eigener Hand getroffen. Dank des ihm eigenen überragenden militärischen Sachverstandes hatte er seine Offiziere noch vom Rollstuhl aus beraten und dem Siebenerrat berichtet, hatte über politische Entwicklungen gegrübelt und die Züge der Feinde Annsteins vorausgesehen, wie er es immer getan hatte. Erst seit einigen Wochen hatte er sich vollständig in die eigenen Räumlichkeiten zurückgezogen und die Transformation endgültig vollzogen. Die Transformation in eine geflüsterte Legende, einen Schatten, ein Relikt aus einer längst versunkenen Vergangenheit.

Es gab nur noch eine einzige Reise, die vor ihm lag … die Reise zu den Windgöttern. Längst hätte der General diese angetreten, wäre da nicht der Mann gewesen, der sie ihm zu verwehren schien. Der Mann, der in der Gestalt eines Falken seine Träume beherrschte. Der Mann, der mit einer Stimme zu ihm sprach, gegen die es kein Aufbegehren gab. Der Mann, den der ehemalige General inbrünstig gehasst hatte, als er noch dazu in der Lage gewesen war. Mittlerweile hatte Leutner längst vergessen, wie sich Hass anfühlte. Die fortdauernde Anwesenheit von Wahrmeister Jovan in seinen Gedanken dämpfte jede Empfindung, verbarg jedes Gefühl, ließ Farben ausbleichen und Erinnerungen im Nebel verblassen.

Nutzlos baumelte seine Hand an seinem Körper. Leutner ruhte in den Armen seines Leibdieners und versuchte vergeblich, die Hand zu bewegen, die ihm nicht mehr gehorchte. Die Finger, die er nur noch auf Befehl des selbsternannten Wahrbringers krümmen konnte, um nach einer Feder zu greifen und irgendwelche Pergamente zu unterzeichnen. Alleine Wahrmeister Jovan wusste, was auf diesen Pergamenten stand und ob diese der Grund waren, warum Leutner noch lebte. Seht her, ich bin mehr als euer Erster Prophet, schien der selbsternannten Wahrbringer seinem Volk mitteilen zu wollen. Ich bin nicht nur Herr über euer Leben. Ich bin ebenso Herr über euren Tod.

Sein Leibdiener trug ihn zu seinem Bett, entkleidete ihn, säuberte ihn und legte mit geübten Griffen eine leinene Windel an. Anschließend flößte Lestoras dem ehemaligen General einige Schlucke dünnen Bieres ein und entzündete die Nachtlampe, während Leutner ermattet die Augen schloss. Er wusste, dass die Nachtlampe noch immer brennen würde, wenn er die Augen wieder öffnete. Dass sie ihm dabei half, sich zu erinnern, wenn er in der Dunkelheit erwachte, orientierungslos, in grauer Bewegungslosigkeit fixiert. Die Welt jenseits des Lichtkegels war unerreichbar geworden. Es gab nichts mehr zu verlieren, niemanden mehr zu bekämpfen, nichts mehr zu erobern. Der ehemalige General hatte die Kupferhügel befriedet und Brinn im Sturm erobert, aber seinen letzten Kampf konnte er nicht gewinnen. Den Kampf gegen den Falken. Den Kampf um sein Leben. Den Kampf um seinen Tod.

Er versank in den immer gleichen Traum. Vom Rand der Hochebene, auf der die Generalität Quartier bezogen hatte, konnte er die weitläufige Ebene überblicken, die zur Stadt hin leicht abfiel und sich mehrere Meilen bis vor die mächtigen Mauern erstreckte. Meldeläufer wuselten wie Ameisen den Hang herauf und herunter. Das Brausen der Schlacht zwischen den Truppen der Republik und den aufständischen Lombrianern war selbst über diese Entfernung hinweg deutlich hörbar. Der allgegenwärtige Falke war auch heute nur ein kleiner Punkt am Himmel, unablässig über ihm kreisend, den Blick in die Ferne gerichtet, nach Norden.

General Leutner spürte den Wind im Gesicht und lauschte den eilig heruntergebeteten Berichten über die Manöver seiner Truppen. Er bellte Befehle, die das entfernte Geschrei der Sieger, der Besiegten, der Sterbenden und der Überlebenden mühelos übertönten. Während sich der blutrote Himmel über dem Schlachtfeld bereits verdunkelte, traf er endlich die Entscheidung, für die er geboren wurde. Er ließ die Reserve antreten, setzte sich selbst an ihre Spitze, eilte im verlöschenden Schein der Abendsonne den Hang herunter und ging in die Geschichte ein. General Leutner, Bezwinger der Yverlinger, Befrieder von Lombrien, Befreier von Brinn.

Noch während er in vollem Galopp auf die feindlichen Truppen zuhielt, ritt Oberst Breuer an seine Seite, beugte sich zu ihm herüber und rüttelte an seiner Schulter. „Herr?“, brüllte der Oberst über den Lärm hinweg. „Herr? Ist alles in Ordnung?“

Er stöhnte unwillig und versuchte, die Hand des Oberst abzuschütteln. Vergeblich. Er konnte die Schultern nicht bewegen, die Hand nicht heben. Er konnte sich noch nicht einmal wegdrehen und den Blick abwenden.

„Herr!“, brüllte der Oberst unbarmherzig. „Herr!“

„Mmh“, brummte der General und kehrte widerwillig in die Gegenwart zurück. Die Nachtlampe brannte mit unverminderter Helligkeit. Sein Leibdiener hatte sich über ihn gebeugt und rüttelte an seiner Schulter. „Herr!“, wiederholte der Leibdiener. „Ist alles in Ordnung? Ihr habt gestöhnt, lauter als jemals zuvor. Und … äh … Ihr habt Besuch, Herr.“

„Mmh“, murmelte er gleichgültig.

„Eine junge Frau, Herr. Sie trägt die Kleidung einer Vernischen Schwester und besitzt eine Einladung mit Eurem Siegel. Ich habe das Siegel geprüft, und, nun … es scheint mir echt zu sein, Herr. Ich habe der Dame mitgeteilt, dass Ihr ruht. Sie wollte nicht gehen. Also habe ich ihr angeboten, zu warten.“

Er schwieg und starrte die gläserne Nachtlampe an, die ein warmes gelbes Licht verströmte. Der ölgetränkte Docht brannte ruhig und stetig. Der Schatten seines Dieners tanzte an der Wand seiner Kammer, überragte die Figuren auf den Gemälden, zerschnitt die Harmonie des Lichtkegels, der ihn umgab. „Was soll ich tun, Herr?“, fuhr Lestoras fort. „Soll ich sie herein bitten?“

Leutner hätte schweigen können. Es wäre so einfach gewesen, zu schweigen. „Mmh“, stöhnte er stattdessen.

Der Diener nickte gehorsam. „Sehr wohl, Herr. Ich führe sie herein. Soll ich … soll ich Euch aufhelfen?“

Schweigen.

„Wie Ihr wünscht, Herr.“ Sein Leibdiener verließ ihn und kehrte mit einer in Weiß gekleideten Frau zurück, die sich lautlos auf der Bettkante niederließ, die gefalteten Hände im Schoß verbergend. Die Besucherin trug die traditionelle Ordenshaube der Vernischen Schwestern. Selbst das Haar, das wallend unter der Ordenshaube hervorlugte, war weiß gebleicht.

„General Leutner“, murmelte die Schwester. „Ihr ahnt nicht, wie groß meine Freude ist, Euch endlich kennenzulernen.“

Erinnerungen zuckten durch sein Gehirn, trieben an die Oberfläche, versanken im Nebel. Er starrte die Frau an, die ihr Leben der Göttin der Reinheit gewidmet hatte und sich in den Lichtkegel der Nachtlampe begeben hatte. Keine Schminke, wie es sich für eine Vernische Schwester gehörte. Makellose Haut, vornehme Blässe. Ein leichter Duft nach Rosen, dazu ein ebenmäßiges Gesicht und gerade Zähne. Eine Sarrantinerin, möglicherweise. Früher hatte er einen untrüglichen Blick für Frauen besessen, erinnerte er sich. Unter dem unscheinbaren Überwurf mochte sich ein durchaus ansehnlicher Körper verbergen. Ein Körper, der in den sieben Riten der Schwestern ausgebildet war. Bilder kehrten zurück, blitzartig, unerwartet. Eine Vernische Schwester betete nicht nur mit Worten. Nächtliche Besuche im Tempel der Göttin. Tempeldienerinnen in reinem Weiß, karge Zellen, weiche Laken. Er hatte die Göttin im Tempel geehrt, einmal, zweimal, viele Male. In der Welt jenseits des Lichtkegels. In einer Zeit, in der er noch mehr dargestellt hatte als eine Legende, ein Schatten, ein Relikt aus einer längst versunkenen Vergangenheit.

„Soll ich … soll ich mich zurückziehen, Herr?“ Der Leibdiener wartete am Fußende seines Bettes.

„Mmh“, bestätigte der General.

„Falls Ihr etwas benötigt … ich werde Euch hören, Herr. Ihr wisst, wo …“

„Mmh“, wiederholte Leutner mechanisch.

Lestoras bedurfte keiner weiteren Aufforderung. Mit geneigtem Kopf verschwand er im Nebenzimmer, die Türe geräuschlos hinter sich zuziehend. Die Vernische Schwester sah dem Diener nachdenklich hinterher und machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Eine kleine Weile verging.

„Wnnn“, murmelte General Leutner.

„Wnnn?“, erwiderte die Vernische Schwester und wandte sich dem reglosen General zu. Ein fragendes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Was bedeutet das?“

„Wnnn.“

Die Schwester musterte ihn stirnrunzelnd. „Ihr könnt nicht sprechen, oder?“

„Mmh“, bestätigte Leutner. Das Stirnrunzeln stand ihr gut. Weitere Erinnerungen kehrten zurück. Rasch wechselnde Gespielinnen, charmant in Unterhaltungen verstrickt, sobald das erste Feuer erloschen war. Wortduelle mit Komplimenten, geflüstert, gemurmelt, scharf, beißend, erregend. Wiederentfachte Glut. Sätze, die in einem Stöhnen versiegten. Ein weiteres Schlachtfeld, das er virtuos beherrscht hatte. Das Schlachtfeld zwischen den Laken.

„Sie haben es mir prophezeit, wusstet Ihr das?“, plauderte die Schwester auf ihn ein. „Die Wahrsagerinnen im Lodernden Tempel. Dass ich erst am anderen Ende der Welt meinen Platz in der Geschichte finden werde. Dass ich Weg, Rang und Ruhm entsagen muss, um meine Bestimmung zu erfüllen, als Machtlose im Herzen der Macht. Ich habe die Worte der Lodernden Frauen fünf Jahre mit mir herumgetragen. Fünf lange Jahre, in denen ich in den Adeptenrängen gedient habe. Fünf lange Jahre, die unvermittelt endeten, als neunundvierzig Herren der Asche nach Annstein entsandt wurden und ich nicht länger Adept war. Noch während mein Meister mir mitteilte, dass ich einer der Neunundvierzig sein würde, wusste ich, dass es beginnt. Dass es endlich beginnt, beim Bart des Bleichen!“

Der Schatten des Mädchens tanzte über ihm. „Mmh!“, murmelte General Leutner. Vage und undeutlich wünschte er sich, dass die Hände der Vernischen Schwester ihn berührten, liebkosten, die Schnüre seiner Windel lösten. Hände, die sie noch immer sittsam in ihrem Schoß verbarg. Außerhalb des Lichtkegels.

„Ich war eine Berühmtheit in Sarrantis, wisst Ihr das? In den Tagen zwischen den Prüfungen und der Abreise hatte ich so viele Freier wie niemals zuvor. Jeder wollte ihr beiwohnen, der jüngsten Herrin der Glut seit Beginn der Aufzeichnungen. Es bringt Glück, sagt man. Es bringt Glück, bei einer Herrin zu liegen, so lange die Glut noch frisch ist. Irgendwann habe ich aufgehört, die Männer zu zählen. Ich habe meiner Gilde nicht weniger Ehre bereitet als Ihr der Euren, General. Ehre in Form klingender Münzen. Ehre in Form roten Blutes. Des Blutes meiner Jungfräulichkeit.“ Sie starrte in die Ferne, während sie sprach. Irgendwohin, weit weg von hier.

Der ehemalige General legte die Stirn in Falten und versuchte vergeblich, die rechte Hand zu bewegen. Die Hand, die nur noch auf Befehl des Falken eine Feder halten und einen lang gezogenen Strich unter Pergamente setzen konnte, die im Anschluss mit seinem Siegel versehen und irgendwohin gebracht wurden, weit weg, in die Welt außerhalb des Lichtkegels. „Mmh“, stöhnte er, sich sehnlich wünschend, ihr Hinterteil berühren zu können. „Mmh!“

Der Blick des Mädchens kehrte in die Gegenwart zurück. Ein Anflug von Überraschung stand in ihren grauen Augen und wurde sogleich durch ein geschäftsmäßiges Lächeln ersetzt. „Seht mich an“, sagte seine Besucherin mit sanfter Stimme, legte Haube und Obergewand ab und bot dem gelben Licht der Nachtlampe ihren üppigen Körper dar. Reglos starrte der General auf den schlanken Hals, die wohlgeformten Brüste, das Dreieck zwischen ihren Schenkeln … und die wulstige Narben am Unterbauch, die hässlich und grob aus der Symphonie ihrer Rundungen herausragten. Zwei Stichverletzungen, erkannte er mit geübtem Blick. Tief, aber verheilt. Die Verletzungen schienen nicht hierher zu gehören. Nicht an diesen Körper, nicht in dieses Zimmer, nicht in den Lichtkegel, den die noch immer ruhig brennende Nachtlampe warf. „Mmh?“, flüsterte der General fragend.

„Seht mich an“, wiederholte das Mädchen, schwang ein Bein über seinen Körper und fuhr sich mit derselben fließenden Bewegung durch das weißgefärbte Haar. Ihr Hinterteil thronte nun auf seinem Becken. Ihre Brüste wippten über seinem Gesicht auf und ab. „Was seht Ihr, General? Wen seht Ihr?“

Schweigend betrachtete er die Symphonie ihrer Gliedmaßen, ihrer Hüften, roch ihren Duft. Als sie sich nach vorne beugte, fielen ihre gebleichten Haare wie ein Vorhang auf seine Haut. Ihre Berührung verhüllte, verbarg, versprach. In den grauen Augen, die jetzt ganz nah über den seinen schwebten, mischten sich Neugierde und Mitleid. Sie ist keine Vernische Schwester, erkannte er. Der ehemalige General verspürte keine Furcht, keine Erwartung, keine Angst und keine Hoffnung … nur eine milde Überraschung, die wie klebriger Redaner durch den Nebel drang, der noch immer seine Gedanken und Gefühle verhüllte.

„Mmh?“, stöhnte er.

„Seht Ihr die Herrin oder die Dienerin, General? Seht Ihr die Schwester oder die Hure?“ Mit einer Haarspange, die sie unvermittelt in den Händen hielt, begann sie, ihre Haare zu ordnen. „Neunundvierzig Herren der Asche wurden gerufen, aber nur sechsundvierzig waren verfügbar. Was also tut ein guter Händler mit einem Geschäftspartner, den er nicht verärgern will? Er streckt die Ware, verwässert den Wein. Neunundvierzig Herren der Asche wurden gerufen, aber nur sechsundvierzig wurden geschickt. Meine Gilde hat drei Adeptinnen aus dem Weg des Feuers benannt, die den Trupp aufgefüllt haben. Adeptinnen des Feuers, ausgebildet für die Laken, nicht für den Krieg. Wir beherrschen die Wege der Glut, des Feuers, der Brise und des Sturmes, General. Die Riten der Vernischen Schwester studieren wir ebenso wie die Disziplinen des Jadeflusses. Die Lady Akaiha persönlich hat mich ausgebildet, General. Die letzte lebende Seidendame des höchsten Grades, die Meisterin aller fünf Disziplinen des Jadeflusses. Glaubt mir, General … ich habe eine gute, eine hervorragende Ausbildung genossen. Ich war bereit. Bereit für den Weg des Feuers.“

Sachte wiegte die Frau sich hin und her. Ihr Schatten tanzte auf den Wandgemälden, die Szenen aus seinem Leben zeigen. Ihre Schenkel umschlossen die wollene Windel und übten einen sanften, fordernden Druck auf sein Gesäß aus. „Drei Adeptinnen des Feuers wurden befördert, weit vor ihrer Zeit. Als Herrinnen der Glut wurden wir nach Annstein geschickt, und so haben die Handelsherren ihr Versprechen wahrgemacht und neunundvierzig Herren geschickt. Eine halbe Lüge, aber dennoch eine Lüge, General.“ Ihre Stimme veränderte sich, wurde tiefer, leidenschaftlicher, volltönender. „Sie haben mich herausgerissen“, fuhr das Mädchen fort. „Herausgerissen aus meinem Weg, meiner Heimat, meinem Leben. Zusammen mit sechsundvierzig Herren der Asche sind drei Herrinnen des Feuers nach Annstein aufgebrochen, aber nur eine ist in Annstein angekommen. Nur eine, General.“

Ihre Worte plätscherten sanft und beruhigend auf ihn ein. „Mmh“, murmelte General Leutner und genoss die Wärme ihres Hinterteils. Die Augen fielen ihm zu.

Unvermittelt spürte er ihren Atem in seinem Ohr. „Öffnet die Augen, General. Ihr sollt die Narben sehen. Die Narben, die mich nie wieder in mein altes Leben zurückkehren lassen. Die Narben, die alles verändern.“

Gehorsam befolgte er ihre Anweisung. Jetzt, wo er die Narben ein zweites Mal betrachtete, empfand er sie nicht mehr als störend. Narben lügen nicht, erinnerte er sich an eine Wahrheit aus seinem früheren Leben. Narben sind ehrlich. Narben sind Siege.

Noch immer thronte die nackte Frau über ihm, eine Symphonie aus Rundungen und Narben, die grauen Augen weit in die Ferne gerichtet. „Es waren keine Wildtiere, die uns das Leben gekostet haben, General. Keine Söldner, keine Wegelagerer. Nur Herren der Asche, die nicht verstehen wollten, dass wir keine Adeptinnen mehr sind. Herren der Asche, die zu lange nicht mehr bei einer Frau gelegen hatten und ihre Grenzen nicht kannten.“ Ihre Stimme bebte. „Sengia und Ilve sind in dieser Nacht zu den Steinernen Hallen gegangen, Herr. Meine Spange hat den Hals des Mannes geküsst, der nicht verstehen wollte. Seine Klinge hat gebissen, aber meine Spange hat getötet. Meine Mädchen sind nicht alleine in die Steinernen Hallen eingezogen, oh nein. Neunundvierzig Herren haben Sarrantis verlassen, aber nur sechsundvierzig sind in Annstein angekommen. Fünfundvierzig Herren der Asche … und eine ehemalige Herrin der Glut, ihres Weges enthoben und zur Adeptin degradiert. Die einzige Adeptin weit und breit, General. Die einzige im Umkreis von 1000 Meilen oder mehr.“

Die einzige im Schein dieser Lampe. Die einzige, die zählt. „Mmh“, spornte er sie an. Eine Ahnung keimte in ihm auf. Eine Ahnung, leise und verheißungsvoll.

„Ich habe alles verloren, General. Ich hätte es erdulden sollen, still, schweigend. Nun bin ich Adeptin ohne Weg und Rang, eine Aussätzige, Freiwild für jeden Handelsherren, der willens ist, mich trotz meines Makels zu benutzen. Bedroht, geschlagen, niedergedrückt. Gewaltsam genommen, wann immer es den Herren beliebt. Eine Adeptin ohne Weg und Rang, die die Wege der Glut, des Feuers, der Brise und des Sturmes beherrscht, ebenso die Riten der Vernischen Schwester und die Disziplinen des Jadeflusses, ausgebildet von der Lady Akaiha persönlich. Eine Dienerin, aufgenommen in die Reihen der Kundigen, eine Spionin unter Spionen, eine Verräterin unter Verrätern. Was glaubt Ihr, wem meine Loyalität jetzt noch gilt, General? Wen seht ihr? Was seht Ihr?“

Ich sehe, dass die Welt am Ende doch noch zurückgekehrt ist. Zurück in den Schein meiner Nachtlampe. „Mmh“, lächelte General Leutner. Die Ahnung wurde größer, süßer, schwerer. Irgendwo in weiter Ferne merkte der Falke auf, lauschte, forschte nach … und wurde wieder abgelenkt. Zu viele Bälle, mit denen er jonglieren musste. Zu viele Themen, zu viele Notwendigkeiten.

„Namen sind mächtig, General, seid Ihr Euch dessen bewusst? Nicht so mächtig wie Blut, oh nein … aber mächtig genug, um sie nicht leichtfertig aufzugeben, nicht ohne Not abzulegen, nicht unüberlegt zu verraten. Euer Name macht Euch aus, General. Er verrät Euch. Ebenso wie Eure Essenz, ebenso wie Eure Feinde. Leutner stammt von laut, von lauter“, fuhr das Mädchen fort, während es geistesabwesend sein Ohrläppchen streichelte. „Ihr seid ein lauterer, ein loyaler Mann. Stets habt Ihr Eurer Republik treu gedient, weit über Eure Jahre hinaus. Den Platz im Webmuster Eurer Göttinnen habt Ihr Euch redlich verdient. Euren Faden wird man auch nach Jahrhunderten noch identifizieren, besingen, bewundern. Strategen werden Eure Schlachten nachstellen und Gelehrte über Eure Taten nachsinnen, über Euer Leben. Und vielleicht auch über das Rätsel Eures Todes.“

Tränen standen in ihren Augen. Die Nachtlampe flackerte. Sie griff nach einem Kissen und drückte es auf seinen Mund, seine Nase. Der General rang vergeblich nach Luft. Die Mörderin flüsterte beruhigende Worte in sein Ohr. Der Falke, am weiten Himmel von Leutners Bewusstsein kreisend, spürte das unvermittelte Aufwallen von Gefühlen, widmete der Szenerie seine Aufmerksamkeit und erschrak zutiefst. Plötzliche Panik prasselte vom Rand des Himmels auf den Bezwinger der Yverlinger ein, gepaart mit der Lähmung völliger Überraschung. Der General hingegen erschrak nicht. Er hatte seine Entscheidung längst gefällt. Während sich der blutrote Himmel über dem Schlachtfeld seines Lebens verdunkelte, ließ er die Reserve antreten, setzte sich selbst an ihre Spitze, eilte im verlöschenden Schein der Abendsonne den Hang herunter und ging in die Geschichte ein.

„Salea“, flüsterte seine Mörderin. „Sagt dem Steinernen Gott, dass es Salea war, die Euch geschickt hat. Salea von den Handelsherren.“

Der Nebel war verschwunden. Ihre Tränen benetzten sein Gesicht und ihr Atem brannte heiß in seinem Ohr. Er empfand die Berührung mit allen Sinnen, konnte sie hören, schmecken, fühlen. Er genoss die Wärme, die Hitze ihrer Zweisamkeit, die ihm intensiver erschien als jede andere, die er zuvor in seinem Leben verspürt hatte.

Das letzte, was er fühlte, war, wie der Falke sich abschirmte. Mit beinahe schmerzhafter Klarheit empfand er, wie das Band zu dem Mann, den er hasste, innerhalb von Sekunden verblasste und verblich. Die farblose Patina, die sich über seine Gedanken und Erinnerungen gelegt hatte, wich einem nahezu übersinnlichen Glanz.

Mit dem Triumphgefühl, den selbsternannten Wahrbringer am Ende doch noch besiegt zu haben, begann General Leutner, Bezwinger der Yverlinger, Befrieder von Lombrien und Befreier von Brinn, den langen Weg zu den Windgöttern.